zwd Berlin. Der starke Anstieg der von Jugendämtern gemeldeten Zahlen von gefährdetem Kindeswohl ist laut der Präsidentin des Kinderschutzbundes Prof.in Sabine Andresen auf „verschiedene Gründe“ zurückzuführen. Neben einer wirklichen Erhöhung bei den Fällen gebe es auch mehr Wachsamkeit und vor allem eine größere Bereitschaft, Verdacht auf Gefährdungen zu melden, erklärte Andresen am Freitag im Interview mit dem Deutschlandfunk. In erster Linie übermittelten Polizei- und Justizbeamt:innen, Pädagog:innen, doch auch Nachbar:innen oder Familienangehörige Hinweise an die Ämter, wenn sie das Wohl von Kindern und Jugendlichen bedroht sehen.
DKSB: Gewalt gegen Kinder braucht mehr Aufmerksamkeit
Die Präsidentin des Kinderschutzbundes betonte, wie wichtig bei diesem Thema mehr Aufmerksamkeit sei und die mit Betreuung von Kindern betrauten Personen zu qualifizieren. Andresen vermutet, dass die gemeldeten Fälle nur den geringeren Teil der tatsächlichen Vorkommnisse bilden, das Dunkelfeld sei „wirklich sehr schwer zu schätzen“. Es sei bisher nicht ausgeleuchtet, man verfüge diesbezüglich noch nicht über ausreichendes Wissen. Für Andresen stellt sich die Frage, wie man mehr Kindeswohlgefährdung – durch Forschung und Ermittlung – aufdecken könnte, denn „jeder einzelne Fall im Dunkelfeld“ habe als Konsequenz, „dass einem betroffenen Kind nicht geholfen wird“.
Nach Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis) vom Donnerstag stiegen die Zahlen von gefährdetem Kindeswohl 2025 um 10 Prozent auf 79.800 Fälle, mehr als doppelt so viele wie noch 2012 (38.300 Fälle). Von den betroffenen Minderjährigen lebten zwei Fünftel bei ihren beiden Eltern, fast genauso viele (37 Prozent) bei alleinerziehenden Müttern oder Vätern. Über die Hälfte (51 Prozent) war nicht älter als acht Jahre, ca. ein Viertel (26 Prozent) höchstens vier Jahre. Die meisten Kinder litten mit 58 Prozent unter Vernachlässigung und psychischer Misshandlung (38 Prozent). Etwas weniger als ein Drittel (29 Prozent) wurde körperlich misshandelt, 5 Prozent erfuhren sexuelle Gewalt.
Kinderschutz sollte in Studium und Weiterbildung verankert sein
Für Gewalt gegen Kinder lässt sich nach Angaben der Familienforscherin und Sozialpädagogin Andresen nicht bloß ein einziger Grund verantwortlich machen, in einigen Familien wirkten sogar gleich mehrere Belastungsfaktoren zusammen. Sie nannte vor allem „eine erhebliche Überforderung, große Konflikte in der Partnerschaft, einen hohen Stresslevel“ oder Mütter, die sich allein fühlen, wenn sie ihr Kind ohne helfende Familienangehörige betreuen. Darüber hinaus müsse man voraussetzen, dass manche Erwachsene als Eltern wenig Empathie gegenüber der Bedürfnislage ihrer Kinder aufbrächten.
Damit pädagogische Fachkräfte in Kitas und Schulen Anzeichen von gefährdetem Kindeswohl erkennen, brauchen sie aus Sicht der Präsidentin des DKSB die entsprechenden Kenntnisse, Zeit im Umgang mit den Kindern und Kompetenzen, um das Beobachtete zu diagnostizieren. Sie forderte, Kinderschutz als Bestandteil in Studium und Weiterbildung von Pädagog:innen zu verankern. Ebenso hob Andresen als wichtigen Auftrag der Jugendämter hervor, Fälle von Gefährdung zu enthüllen. Sie trat in diesem Zusammenhang für eine „starke Kinder- und Jugendhilfe vor Ort, in den Kommunen“ ein.
Kinderschutzbund über Sparpläne bei Kinder- und Jugendhilfe besorgt
Andresen zeigte sich angesichts von Sparplänen besorgt, dass Mittel bei der Kinder- und Jugendhilfe gekürzt werden. Das dürfe man sich nicht leisten, warnte sie, Kinder hätten „ein Recht auf bestmöglichen Schutz vor Gewalt“, dafür seien die Jugendämter als Institution wichtig. Bei knapp drei Viertel der Kinder (74 Prozent) verursachte Destatis zufolge ein Elternteil die Bedrohung des Kindeswohls, bei knapp einem Zehntel mehrere Personen gemeinsam.
Um die gefährdende Situation aufzuheben, vereinbarten Jugendämter demnach bei 91 Prozent der Vorfälle Hilfen oder Schutzmaßnahmen, bei unter einem Fünftel (18 Prozent) schalteten sie Familiengerichte ein. Eine noch höhere Zunahme verzeichnete die Statistik bei den Verdachtsmeldungen, die um 12 Prozent auf 268.300 stiegen. Die Mitteilungen erfolgten überwiegend von Polizei oder Justiz (30 Prozent) und Bevölkerung (22 Prozent), außerdem von Kitas und Schulen (16 Prozent) sowie Hilfseinrichtungen (12 Prozent).
SPD für mehr Prävention, Inklusion und bedarfsorientierte Hilfen
Vor zwei Tagen war der vom Bundeskabinett gebilligte Gesetzentwurf aus dem Bundesfamilienministerium (BMBFSFJ) zur Reform der Kinder- und Jugendhilfe vonseiten der SPD, Linken und Sozialverbände auf Kritik gestoßen. Das Vorhaben soll Kosten senken, Strukturen stärken und Bürokratie abbauen. Die familienpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion Jasmina Hostert verlangte mehr Prävention und Inklusion sowie ein besseres Ineinandergreifen der Systeme. Kinder bräuchten verlässlichen Schutz und Unterstützung, unabhängig von Herkunft, Lebenssituation oder Beeinträchtigung. Ihre Fraktion strebe eine familiennahe, krisenfeste und gerechte Kinder- und Jugendhilfe an
Der SPD-Kinderbeauftragte Truels Reichardt legte einen Schwerpunkt auf an individuellen Bedarfen ausgerichtete Hilfen. Eine Reform von Rechten, Qualität und Ressourcen sei sinnvoll, nicht jedoch kurzfristig gedachte Einsparungen. Der Vorsitzende der Linksfraktion Sören Pellmann prangerte die vorgeschlagenen Sparmaßnahmen bei Kindern mit Beeinträchtigungen an und berief sich auf Teilhabe als Menschenrecht. Die kommunalen Haushalte würden durch die Kürzungen nicht substanziell entlastet, die Betroffenen zahlten aber im Laufe ihres Lebens einen hohen Preis. Der Sozialverband VdK setzte sich für einheitliche Zuständigkeiten für betroffene Familien ein und beanstandete die in der Gesetzesvorlage beabsichtigte Bündelung von bildungsbezogenen Leistungen, z.B. durch Schulassistenzen. Individuelle Hilfen seien unkompliziert zu gewähren. Die AWO befürchtet Rückschritte u.a. bei der Inklusion von Kindern, die infolge der Reform nicht ihren Bedarfen angemessen unterstützt, sondern an vorhandene, unzureichende Angebote verwiesen würden.